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Warum wir Stress brauchen Und Wieso guter Stress gesund für uns ist

Trotz der vielen Gründe, die wir tagtäglich finden, uns über die Welt zu beschweren und zu sorgen, geht es uns heutzutage doch ziemlich gut, oder? Vielleicht einfach zu gut in vielerlei Hinsicht. Und ja, das meine ich durchaus ernst! Denn früher hatten Menschen tagtäglich ganz unmittelbar mit existentiellen Bedrohungen zu kämpfen. Klar leben wir heute meist länger. Aber oft nicht unbedingt besser oder gesünder. In diesem Beitrag erkläre ich, dass es guten und schlechten Stress gibt, warum wir Stress brauchen und wieso guter Stress gesund für uns ist.

Geht es uns viel zu gut? Warum guter Stress gesund für uns ist

Fakt ist, dass viele der Stressfaktoren früherer Menschen für uns heute kaum mehr ein Thema mehr sind. Nahrung und Ernährung sind heute zwar große Themen. Es sind Dauerbrenner, die uns vor eine Vielzahl an Herausforderungen stellen und mit etlichen Fragen verbunden sind wie: „Welche Ernährung ist gesund?“. Allerdings ist die Beschaffung unserer Nahrung heute fast spielerisch einfach. Wir fahren in einen Supermarkt und kaufen uns was wir benötigen. Was früher eine zentrale Lebensaufgabe in Form von Jagen, Sammeln, Ackerbau und Viehzucht darstellte und mit Sorgen und Nöten verbunden war, bedarf heute oft nur einer Stunde in der Woche.

Kampf und Flucht oder Ruhe und Verdauung?

Tauchen wir zunächst einmal ein wenig in den Aufbau und die Funktion des vegetativen Nervensystems ein um ein Grundverständnis von Stress und dessen Entstehung zu bekommen. Das vegetativen Nervensystem ist das willkürlich arbeitende, also von uns nicht willentlich regulierbare Steuerungssystem unserer inneren Prozesse. D.h. alle Organe und Funktionen wie unsere Atmung, der Herzschlag, aber auch Schlaf, Stimmung, etc. werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert.

Sympathikus und Parasympathikus

Unser vegetatives Nervensystem besteht aus zwei Gegenspielern: Sympathikus und Parasympathikus. Der Sympathikus erhöht Herzschlag und Atmung, aktiviert die Muskeln und treibt zu Höchstleistungen an. All dies ist für uns wichtig, falls wir in einer Notsituation sind. Sehen wir ein Auto auf uns zurasen, heißt es: schleunigst zur Seite springen! Hier sind also Schnelligkeit und Kraft der Beinmuskeln gefragt. Beschleunigte Herzfrequenz und Atem stellen sicher, dass die Muskulatur auch ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt sind.

Der Parasympathikus hingegen sieht die Sache entspannter und ist daher in der Situation mit dem Auto der gänzlich falsche Berater. Er lässt uns nämlich zur Ruhe kommen, reduziert Herzschlag und Atmung aber aktiviert dafür z.B. unsere Verdauung und Regenerationsprozesse im Körper und ermöglicht Schlaf und Heilung.

Das Leben besteht aus Zyklen

Alles in der Natur und in unserem Leben besteht aus Zyklen, die sich abwechseln: der Tag-Nacht-Rhythmus; die Jahreszeiten, hormonelle Zyklen wie der Menstruationszyklus, usw. Auch Sympathikus und Parasympathikus wechseln sich ab und das ist gut und wichtig so. Für viele Menschen funktioniert dies aber nicht mehr richtig. Sie befinden sich in einem Dauerzustand der Sympathikus-Aktivierung. Das bedeutet, sie sind ständig wie unter Hochspannung, fühlen sich ständig so, als müssten sie einem herbeirasenden Auto ausweichen. Das ist natürlich sehr anstrengend. Genau diesen Zustand nennen wir Stress.

Das moderne Leben bringt Dauerstress

Doch warum erlöst der Parasympathikus diese Menschen nicht von ihrer Daueranspannung? Das Problem liegt in der Art der meisten heutigen Faktoren, die bei uns Stress auslösen. Weicht man dem nahenden Auto aus und hat sich aus der Gefahrenzone gebracht, so kann der Parasympathikus übernehmen. Doch was ist, wenn der Sympathikus nicht durch ein Auto oder eine tatsächliche momentane Gefahrensituation aktiviert wird? Was ist, wenn es das Gefühl ist, vor etwas ganz anderem davonlaufen zu müssen, vor etwas, dem man nicht so leicht entkommen kann? Z.b. vor Problemen auf der Arbeit, in der Familie oder in einer Beziehung? Was ist, wenn Konflikte in der Welt bedrohliche Ausmaße annehmen und uns dies Angst macht?

Sport, wie z.B. Laufen, stellt für den Körper eine Belastung dar. Hierbei handelt es sich um eine Form von Stress, allerdings zumeist um guten Stress, der gesund ist.

Denn das Nervensystem unterscheidet nicht zwischen der unmittelbaren, existenziellen Bedrohung durch das Auto und der eventuell drohenden Kündigung oder einer privaten oder globalen Krise. Nein, es reagiert vielmehr in gleicher Weise auf beide. Einem wilden Raubtier können wir entkommen, falls wir schnell genug laufen. Und hinterher kommt der Sympathikus zum wohlverdienten Zug. Mit einer Kündigung, Arbeitslosigkeit oder einer kriselnden Beziehung ist es da oft schon schwieriger. In vielen Fällen handelt es sich dabei nämlich um Dauerzustände. Der Parasympathikus kommt immer weniger zum Zuge. Selbstverständlich wirkt sich das negativ auf alles aus, was durch ihn gesteuert wird: Schlaf, Verdauung, Immunsystem, Libido, die Psyche und viele andere Aspekte leiden zwangsläufig hierunter.

Unser Nervensystem und Stresshormone

Außerdem ist es hilfreich zu verstehen, wie Sympathikus und Parasympathikus genau arbeiten. Wie so vieles im Körper geschieht dies über Hormone, die in einer entsprechenden Situation ausgeschüttet werden. Adrenalin, Noradrenalin und auch Kortisol sind hier bekannte Vertreter, die allesamt für den Sympathikus arbeiten.

Diese sogenannten „Stresshormone“ sind dabei Botenstoffe unseres Nervensystems, d.h. mit diesen kommuniziert es mit allen Bereichen des Körpers und drückt somit aus, welche Prozesse im Moment wichtig sind. Aber sie sind deshalb nicht per se schlecht oder irgendwie böse oder ungesund.

Im Gegenteil, ohne sie wäre kaum eine Reaktion auf irgendeine äußere oder innere Herausforderung möglich. Ohne Adrenalin z.B. wäre keine kurzfristige Leistungssteigerung möglich, wie wir sie beispielsweise beim Sport oder in einer akuten Notfallsituation brauchen. Ohne Kortisol könnte das Immunsystem nicht reguliert werden, außerdem hätten wir keinen funktionierenden Tag-Nacht-Rhythmus und kämen einfach nicht aus dem Bett. Überhaupt wären wir ohne unsere Stresshormone einfach platt, ausgelaugt, schwach. Bei vielen Dauergestressten passiert im Übrigen genau dies, denn irgendwann kommt die Produktion dieser aktivierenden Hormone zum Erliegen: die Hormonquellen sind erschöpft. Diesen Zustand nennen wir Burn-Out.

Warum es guten und schlechten Stress gibt

Der Stress, vor dem wir kaum davonlaufen können, ist also schlecht. Denn, wie wir mittlerweile gut wissen und wie unzählige Studien aufzeigen konnten, macht zu viel oder zu lange anhaltender Stress uns krank. Es erhöht freie Radikale und somit oxidativen Stress, erhöht die Gefahr für Kardiovaskuläre Krankheiten wie Schlaganfall oder Herzinfarkt, maximiert das Krebsrisiko und macht anfälliger für psychische Krankheiten. Noch dazu können wir unser unwillkürlich arbeitendes Nervensystem nicht willentlich beeinflussen.

Oder etwa doch? Was wäre, wenn wir auf das Wirken von Sympathikus und Parasympathikus Einfluss nehmen könnten? In der Tat gibt es Methoden, die hier funktionieren. Allen voran Atemtechniken, über welche ich separat und regelmäßig in diesem blog schreibe (Z.b. hier oder hier). Auch Meditation lässt sich nutzen, um Parasympathikus und Sympathikus auszugleichen. Und es gibt weitere, spannende Methoden um ein Wörtchen bei unserer Stresserfahrung, der Art des Stresses und der Stressbewältigung mitzureden. Und zwar z.B. „guten“ Stress!

Kann man Stressresistenz üben?

Wie nämlich Studien vermehrt darstellen, lässt sich unsere Resilienz Stress gegenüber stärken. Und zwar über bestimmte Einflüsse, die eigentlich die stressauslösenden Hormone wie Adrenalin und Kortisol erhöhen. Das klingt vielleicht zunächst unlogisch, aber es macht Sinn. Wenn wir beispielsweise Sport treiben ist dies gemessen an den hormonellen Botenstoffen im Blut und an der Aktivität des Sympathikus Stress. Dieser vergeht aber wieder, denn irgendwann sollte auch die schweisstreibendste Trainingseinheit vorüber sein. Dann ist es Zeit für Regeneration, die vom Parasympathikus vorangetrieben wird.

In gewisser Weise regelt also hier auch der Sport diesen Zyklus der Abwechslung von Sympathikus und Parasympathikus. Man kann durchaus sagen: Sport ist guter Stress, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Ruhe und Regeneration danach nicht zu Kurz kommt. Das gute am Sport würde schnell in schlechten Stress umschlagen, würde man zu exzessiv trainieren und ohne entsprechende Pausen.

Eustress und Distress – guter und schlechter Stress

Man unterscheidet Stress in diesem Zusammenhang auch in Eustress und Distress. Distress bezeichnet den negativen, ungesunden Stress. Eustress wird normalerweise als positive Einflüsse, Gedanken oder Vorkommnisse angesehen, z.B. Arbeit, die Freude macht, die (eigene) Hochzeit, Sport, oder einfach alles, was man gerne tut. Alle können aber auch auf ihre Weise anstrengend oder herausfordernd sein.

Aber das positive an diesen ist vor allem auch, dass diese Form von Stress zeitlich begrenzt ist und von uns bestimmt beendet werden kann. Wir versetzen den Körper also willentlich in einen eventuell unangenehmen Zustand, ertragen diesen eine Zeit lang, um dann wieder entspannen zu können. Der gesunde Wechsel von Stress zu Ruhe, bzw. die Abfolge von Sympathikus und Parasympathikus, deren zyklisches Abwechseln in einem Gleichgewicht ist gesund und nennt sich Homöostase.

Und wie wissenschaftliche Studien zeigen, fördert zwar chronische Stressbelastung oxidative Schäden, also z.B. durch freie Radikale. Ein überschaubares Maß an positivem Stress kann hingegen unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber genau diesen oxidativen Schäden erhöhen. Ein Grund hierfür liegt sicherlich darin, dass Stress wohl unvermeidbar ist im Leben. Ruhe und Stress bedingen sich womöglich gegenseitig, so wie Nacht und Tag, Ebbe und Flut, nur im gemeinsamen Zyklus des Lebens existieren. Dementsprechend sind wir Menschen als Lebewesen darauf ausgelegt, auch mal mit Stress zurechtzukommen. Wir brauchen ihn regelrecht und dies erklärt wieso guter Stress gesund ist.

Ein Schild mit der Aufschrift: "Good Morning...Let the Stress Begin....." denn manchmal ist Stress gesund.

Was sind Beispiele für „guten Stress“?

Ich hoffe, es wird verständlich, warum wir Stress brauchen und wieso guter Stress gesund für uns ist. .Das bereits erwähnte Beispiele für potentiell guten Stress, Sport, ist wahrscheinlich wenig überraschend.. Hier ist alles gut geeignet, von Ausdauersportarten wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren bis hin zum Kraftsport. Wie wäre es aber z.B. mit funktionellen Übungen, die den Körper herausfordern und sanft stressen? Ein Beispiel ist das Hängen! Auch Menschen, die (noch) keine Klimmzüge schaffen, bewerkstelligen oft zumindest ein paar Sekunden an einer Stange oder ähnlichem zu Hängen. Über diese sportliche Herausforderung die unserer Gesundheit, Muskeln und Disziplin gleichermaßen guttut habe ich hier geschrieben.

Kälte als guter Stress?

Ok, Sport ist ein einleuchtendes Beispiel für Stress, der gesund ist. Andere dürften dich vielleicht überraschen. Wie wissenschaftliche Studien inzwischen eindeutig nachweisen konnten, führt Kälteexposition, also z.B. durch kaltes Duschen oder Eisbaden, zu einem akuten Anstieg der Hormone Adrenalin und Kortisol, unserer Stresshormone also. Klar, eiskaltes Wasser löst erstmal eine Stressreaktion aus, denn wirklich angenehm fühlt sich das nur für die wenigsten an. Das merkt man auch daran, dass sich der Atem beschleunigt wenn man in eiskaltes Wasser steigt: man schnappt vielleicht erst mal nach Luft und will da einfach schnell wieder raus! Doch auf die Stressreaktion folgt hinterher das Gegenteil.

Kaltes Duschen und Eisbaden kann Stress reduzieren

Insgesamt sinkt nämlich speziell bei regelmäßig durchgeführtem, kaltem Duschen und Eisbaden der Kortisolspiegel, wie Wissenschaftler zeigen konnten. Und das reduziert dauerhaft Stress auf lange Sicht. Dies erklärt auch einige der vielen weiteren positiven Eigenschaften von kaltem Duschen und Eisbaden, von denen es so viele spannende gibt, dass diesen ein eigener Beitrag gewidmet werden muss. Vermutlich trägt auch der Umstand dazu bei, dass es einer gewissen Disziplin bedarf, sowie dem bewussten Aushalten der unangenehmen Situation der Kälte, die sich möglicherweise auch im restlichen Leben positiv auf unsere Stress-Resilienz auswirkt.

Kälte kann also gesund sein, wenn auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Problematiken hier lieber vorsichtig sein sollten und besser vorher einen Arzt oder Therapeuten fragen sollten, ob dies für sie in Frage kommt.

Geht auch Wärme?

Was die Kälteempfindlichen beruhigen dürfte: ja auch dem Gegenteil, also der Sauna z.B. kommen ganz ähnlich Eigenschaften zu. Es ist also auch möglich Stress mit Wärme zu bekämpfen. Natürlich immer in Maßen und auch hier gilt wieder: bei Herz-Kreislauf-Problemen lieber Vorsicht walten lassen und sich entsprechend vorher erkundigen, ob dies in Frage kommt.

Fasten lässt Pfunde purzeln, lässt uns regenerien und reduziert Stress

Entziehen wir dem Körper Nahrung, stellt auch das eine gewisse Form von Stress dar. Fasten ist in der Tat hier ebenfalls als guter Stress aufzuführen, wie ich finde. Ähnlich wie beim Eisbaden geschehen im Körper, auch immer abhängig von der Art des Fasten, eine Vielzahl an Prozessen. Viele dieser Prozesse haben erwiesenermaßen positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Zellen des Körpers können regenerieren. Vom Abspecken überflüssiger Pfunde einmal ganz abgesehen. Und wer einmal gefastet hat, weiß vermutlich um die vielfältigen Wirkungen auch auf die Psyche. Gerade nach anfänglichen Schwierigkeiten erleben nicht wenige Fastende ein Plus an Energie oder ein beschwingtes Gemüt.

Fasten ist nicht gleich Fasten

Natürlich gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Methoden des Fastens. Solche, bei denen z.B., für eine bestimmte Zeit auf jegliche feste Nahrung verzichtet wird. Oder Basenfasten, auf der Grundlage von Gemüse und Obst. Ebenfalls gut in den Alltag integrierbar ist beispielsweise das Intervallfasten. Hierbei fastet man z.B. 16 Stunden des Tages und isst nur während der verbleibenden 8 Stunden. Meist lässt man also eine Mahlzeit, z.B. das Frühstück, aus. Detaillierter soll es ums Fasten aber in anderen Beiträgen dieses blogs gehen.

Natürlich haben unterschiedliche Formen auch unterschiedliche Wirkungen und Einsatzgebiete. Ich würde Fasten allerdings generell auch als positiven Stress listen, denn es ähnelt den anderen Formen auch dadurch, dass wir uns bewusst und kontrolliert diesen Stress antun und auch bewusst beenden können.

Gestresst durch unsere Ernährung?

Übrigens: wusstest du, dass unser Kortisol-Spiegel nach Genuss von hellem Weizenmehl, Zucker und Frittiertem rasch ansteigt? Also nach Konsum von dem, was viele Menschen als comfort food empfinden und sich gerade in stressigen Zeiten oder Situationen, einverleiben. Fast food, also, welches auch oft aus Gründen von Zeitmangel konsumiert wird, trägt allerdings nur zu mehr empfundenen Stress und dessen Auswirkungen bei.

Denn leider handelt es sich hierbei natürlich nicht um eine gute Form von Stress. Vielmehr wird das ungesunde Essen immer mehr konsumiert, denn der Körper verlangt danach. Mit entsprechenden Auswirkungen auf den Kortisolspiegel. Aber auch Körperfettanteil, Blutzucker und Entzündungswerte steigen. Und wer gestresst ist, greift häufig zu solchem Essen als einer Art, den Stress emotional zu bewältigen. Auch wenn dies eindeutig keine gute Idee ist. Also lieber die Finger von diesem Stress lassen.

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