Viele Menschen möchten ihren Reflux natürlich behandeln und konzentrieren sich dabei vor allem auf eines: die Magensäure. Doch genau hier beginnt ein weit verbreitetes Missverständnis. Nicht die Magensäure selbst ist das eigentliche Problem – sie ist für eine gesunde Verdauung sogar unverzichtbar. Sie hilft dabei, Eiweiße aufzuspalten, ermöglicht die Aufnahme wichtiger Nährstoffe wie Vitamin B12, Eisen und Calcium und schützt uns vor vielen Krankheitserregern, die mit der Nahrung in den Körper gelangen. Beschwerden entstehen erst dann, wenn die Magensäure an den falschen Ort gelangt: zurück in die Speiseröhre.
Warum das passiert, erklärt die moderne Refluxforschung heute deutlich genauer als noch vor einigen Jahren. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur der untere Speiseröhrenschließmuskel, sondern auch ein Muskel, den die meisten Menschen ausschließlich mit dem Atmen verbinden: das Zwerchfell. Tatsächlich bildet es gemeinsam mit dem unteren Schließmuskel eine natürliche Antireflux-Barriere. Genau deshalb untersuchen Wissenschaftler seit einigen Jahren, ob sich diese Schutzfunktion durch gezieltes Zwerchfelltraining und Atemtherapie bei Reflux verbessern lässt – mit überraschend positiven Ergebnissen.
Dieser Artikel zeigt, warum Atmung weit mehr ist als eine Entspannungstechnik, welche Rolle das Zwerchfell bei Reflux spielt und was aktuelle Studien über Atemtherapie bei Reflux zeigen.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Reflux entsteht nicht nur durch Magensäure – entscheidend ist auch die natürliche Antireflux-Barriere.
- Das Zwerchfell stabilisiert gemeinsam mit dem unteren Speiseröhrenschließmuskel den Mageneingang.
- Aktuelle Studien zeigen, dass gezieltes Zwerchfelltraining Refluxbeschwerden bei vielen Betroffenen verringern kann.
- Atemtherapie kann eine Behandlungsoption sein.
Warum gelangt Magensäure überhaupt in die Speiseröhre?
Wenn Magensäure für unsere Verdauung so wichtig ist, stellt sich eine naheliegende Frage: Warum gelangt sie überhaupt dorthin, wo sie Beschwerden verursacht?
Viele Menschen stellen sich den Übergang zwischen Speiseröhre und Magen wie eine einfache Klappe vor, die sich öffnet oder schließt. Tatsächlich ist dieser Bereich deutlich komplexer aufgebaut. Unser Körper verfügt über eine ausgeklügelte Antireflux-Barriere, deren Aufgabe es ist, den Mageninhalt zuverlässig dort zu halten, wo er hingehört.
Zu dieser natürlichen Schutzbarriere gehören vor allem zwei Strukturen: der untere Speiseröhrenschließmuskel (englisch: Lower Esophageal Sphincter, kurz LES) und das Zwerchfell. Beide arbeiten eng zusammen. Während der Schließmuskel den Übergang zwischen Speiseröhre und Magen verschließt, umschließt ein spezieller Anteil des Zwerchfells – der sogenannte crurale Anteil – die Speiseröhre von außen und unterstützt diesen Verschluss. Gemeinsam bilden sie eine Art doppeltes Sicherheitssystem gegen aufsteigende Magensäure.
Erst wenn diese Schutzbarriere geschwächt ist oder nicht mehr optimal zusammenarbeitet, kann Mageninhalt zurück in die Speiseröhre fließen. Die Folge sind Beschwerden wie Sodbrennen, saures Aufstoßen oder ein Druckgefühl hinter dem Brustbein.
Die moderne Refluxforschung betrachtet deshalb nicht mehr allein die Magensäure als entscheidenden Faktor. Stattdessen rückt zunehmend die Funktion der Antireflux-Barriere in den Mittelpunkt. Aktuelle gastroenterologische Übersichtsarbeiten beschreiben die Störung dieser Barriere sogar als den ersten entscheidenden Schritt in der Entstehung einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD). Das bedeutet: Nicht die Säure selbst verursacht das Problem – sondern dass sie eine geschwächte Schutzbarriere überwinden kann.
Diese Erkenntnis verändert auch den Blick auf mögliche Behandlungsansätze. Denn wenn das Zwerchfell ein aktiver Bestandteil dieser Schutzbarriere ist, liegt eine spannende Frage nahe:
Lässt sich die Funktion dieser Barriere gezielt verbessern – beispielsweise durch ein Training des Zwerchfells?

Das Zwerchfell – weit mehr als nur ein Atemmuskel
Die meisten Menschen kennen das Zwerchfell als unseren wichtigsten Atemmuskel. Mit jedem Atemzug senkt es sich beim Einatmen nach unten und hebt sich beim Ausatmen wieder an. Ohne diese Bewegung wäre eine normale Atmung kaum möglich.
Was jedoch kaum bekannt ist: Das Zwerchfell übernimmt noch eine zweite, mindestens ebenso wichtige Aufgabe.
Die Speiseröhre verläuft auf ihrem Weg zum Magen durch eine Öffnung im Zwerchfell. Genau an dieser Stelle umschließt ein spezieller Anteil des Muskels – der sogenannte crurale Anteil des Zwerchfells – die Speiseröhre ringförmig. Gemeinsam mit dem unteren Speiseröhrenschließmuskel bildet er eine funktionelle Einheit und verstärkt die natürliche Antireflux-Barriere.
Man kann sich das wie ein doppeltes Sicherheitssystem vorstellen: Der untere Speiseröhrenschließmuskel verschließt den Übergang zwischen Speiseröhre und Magen von innen, während das Zwerchfell diesen Bereich von außen stabilisiert und zusätzlich zusammendrückt. Erst das Zusammenspiel beider Strukturen verhindert zuverlässig, dass Mageninhalt in die Speiseröhre zurückfließt.
Diese Erkenntnis ist keineswegs neu – sie wird seit vielen Jahren durch anatomische und physiologische Untersuchungen gestützt. Neu ist jedoch, dass die Forschung dem Zwerchfell inzwischen deutlich mehr Aufmerksamkeit schenkt. In aktuellen Übersichtsarbeiten wird es nicht mehr ausschließlich als Atemmuskel beschrieben, sondern ausdrücklich als aktiver Bestandteil der natürlichen Antireflux-Barriere.
Das verändert die Sicht auf Reflux grundlegend.
Denn wenn das Zwerchfell nicht nur für die Atmung verantwortlich ist, sondern gleichzeitig den Verschluss zwischen Magen und Speiseröhre unterstützt, liegt eine naheliegende Frage auf der Hand:
Kann eine eingeschränkte Zwerchfellfunktion dazu beitragen, dass die Antireflux-Barriere an Stabilität verliert?
Und umgekehrt:
Lässt sich diese Schutzfunktion durch gezieltes Training wieder verbessern?
Genau diese Fragen beschäftigen Gastroenterologen und Atemforscher seit einigen Jahren zunehmend. Während Medikamente vor allem die Magensäure reduzieren, untersuchen aktuelle Studien erstmals, ob sich durch ein gezieltes Training des Zwerchfells die Funktion der körpereigenen Antireflux-Barriere stärken lässt – mit erstaunlich vielversprechenden Ergebnissen.
Mehr über die Anatomie und Funktion der Antireflux-Barriere beschreibt diese Übersichtsarbeit: Mechanism and Pathophysiology of Gastroesophageal Reflux Disease.
Welche weiteren Aufgaben das Zwerchfell im Körper übernimmt, beschreibt auch mein Artikel „10 wichtige Funktionen des Zwerchfells“
Medikamente können wichtig sein – lösen aber nicht jedes Problem
Wenn von Reflux die Rede ist, denken viele Menschen sofort an Säureblocker. Tatsächlich gehören sogenannte Protonenpumpenhemmer (PPI) zu den wirksamsten Medikamenten gegen Sodbrennen und die gastroösophageale Refluxkrankheit. Sie reduzieren die Produktion von Magensäure und können dadurch die gereizte Schleimhaut der Speiseröhre entlasten, Beschwerden lindern und Entzündungen abheilen lassen.
Doch hier lohnt sich ein genauer Blick.
Die Magensäure selbst ist nämlich nicht der eigentliche „Feind“. Unser Körper produziert sie nicht zufällig, sondern weil sie für die Verdauung unverzichtbar ist. Sie hilft dabei, Eiweiße aufzuspalten, ermöglicht die Aufnahme wichtiger Nährstoffe wie Vitamin B12, Eisen und Calcium und schützt uns vor vielen Krankheitserregern, die wir täglich mit der Nahrung aufnehmen.

Das eigentliche Problem entsteht erst dann, wenn diese Magensäure an den falschen Ort gelangt.
Moderne Übersichtsarbeiten zur Entstehung der Refluxkrankheit beschreiben deshalb einen wichtigen Perspektivwechsel: Im Mittelpunkt steht heute nicht mehr allein die Säure, sondern vor allem die Antireflux-Barriere – also der natürliche Verschlussmechanismus zwischen Magen und Speiseröhre. Wird diese Barriere geschwächt, kann selbst völlig normale Magensäure zurück in die Speiseröhre fließen und dort Beschwerden verursachen.
Genau deshalb verfolgen Medikamente und Atemtherapie unterschiedliche Ziele.
Protonenpumpenhemmer verringern die Aggressivität des Mageninhalts. Dadurch wird die Schleimhaut geschützt und Beschwerden können deutlich nachlassen.
Eine Atemtherapie setzt an einem anderen Punkt an. Sie versucht nicht, die Magensäure zu verändern, sondern die Funktion des Zwerchfells zu verbessern – jenes Muskels, der gemeinsam mit dem unteren Speiseröhrenschließmuskel einen wichtigen Teil der natürlichen Antireflux-Barriere bildet.
Man könnte es vereinfacht so ausdrücken:
Die Medikamente verändern den Inhalt des Magens. Eine Atemtherapie zielt darauf ab, den Verschluss zwischen Magen und Speiseröhre zu unterstützen.
Beides schließt sich nicht aus – im Gegenteil. Je nach Ursache und Schwere der Beschwerden können sich beide Ansätze sinnvoll ergänzen. Genau deshalb untersuchen Wissenschaftler seit einigen Jahren, ob ein gezieltes Training des Zwerchfells die Funktion der Antireflux-Barriere verbessern kann.
Und die Ergebnisse dieser Studien sind überraschend positiv.
Kann Atemtherapie bei Reflux wirklich helfen? Das zeigen aktuelle Studien
Dass das Zwerchfell eine wichtige Rolle für die natürliche Antireflux-Barriere spielt, ist anatomisch und physiologisch seit Langem bekannt. Die entscheidende Frage lautet jedoch:
Kann ein gezieltes Training des Zwerchfells diese Schutzfunktion tatsächlich verbessern – und dadurch auch Refluxbeschwerden lindern?
Genau dieser Frage sind in den letzten Jahren mehrere Forschergruppen nachgegangen. Besonders interessant ist dabei, dass sich die wissenschaftliche Evidenz inzwischen deutlich verdichtet hat.
Eine klinische Studie mit 100 Refluxpatienten
In einer prospektiven Studie wurden 100 Patientinnen und Patienten mit chronischem Reflux über einen Zeitraum von vier Monaten begleitet. Alle Teilnehmer erhielten ein strukturiertes Training der Zwerchfellatmung und übten die Techniken regelmäßig zu Hause.
Die Ergebnisse waren bemerkenswert:
- Die Refluxbeschwerden gingen im Durchschnitt um rund 64 % zurück.
- Der tägliche Bedarf an säureneutralisierenden Medikamenten (Antazida) sank von 34 % auf 0 %.
- Auch Schlafqualität und Lebensqualität verbesserten sich deutlich.
Besonders spannend war jedoch eine weitere Beobachtung: Je regelmäßiger die Teilnehmer ihre Atemübungen durchführten, desto stärker fielen die Verbesserungen aus. Das spricht dafür, dass es sich nicht um einen Zufall handelt, sondern um einen echten Trainingseffekt. (Zur Originalstudie zum Zwerchfelltraining bei GERD geht es hier).
War das nur eine einzelne positive Studie?
Eine berechtigte Frage. Einzelne Studien können schließlich immer zufällig positiv ausfallen.
Deshalb sind systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen besonders wertvoll. Sie fassen die Ergebnisse mehrerer hochwertiger Studien zusammen und bewerten die gesamte wissenschaftliche Evidenz.
Genau das leistete eine aktuelle Metaanalyse aus dem Jahr 2026. Die Forscher analysierten zehn randomisierte Studien mit insgesamt 476 Patientinnen und Patienten.
Auch hier zeigte sich ein klares Bild: Menschen, die ein gezieltes Training der Zwerchfellatmung durchführten, profitierten insgesamt signifikant hinsichtlich ihrer Refluxbeschwerden. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass die bisherigen Studien teilweise unterschiedliche Trainingsprogramme verwendeten und größere Untersuchungen wünschenswert wären. Dennoch bewerten sie das Zwerchfelltraining als einen vielversprechenden ergänzenden Therapieansatz.
Was bedeuten diese Ergebnisse für Betroffene?
Die Studien zeigen nicht, dass Atemübungen Medikamente ersetzen oder jede Form von Reflux heilen können. Dafür sind die Ursachen von Reflux zu unterschiedlich. Sie liefern jedoch einen wichtigen Hinweis: Neben der Magensäure selbst scheint auch die Funktion der natürlichen Antireflux-Barriere therapeutisch beeinflussbar zu sein.
Und genau hier setzt die Atemtherapie an. Sie versucht nicht, die Magensäure zu verändern, sondern die Funktion des Zwerchfells zu verbessern – eines Muskels, der nach heutigem wissenschaftlichem Verständnis eine zentrale Rolle beim Schutz vor Reflux spielt.
Warum Stress Reflux oft verschlimmert – und weshalb die Atmung dabei eine Schlüsselrolle spielt
Viele Menschen mit Reflux kennen die Situation: In Phasen von Stress, Anspannung oder emotionaler Belastung treten Sodbrennen, saures Aufstoßen oder ein Druckgefühl hinter dem Brustbein häufiger oder intensiver auf. Doch warum ist das so?
Lange Zeit wurde vermutet, dass Stress vor allem die Magensäureproduktion steigert. Heute weiß man jedoch, dass der Zusammenhang deutlich komplexer ist. Stress beeinflusst nicht nur den Magen, sondern den gesamten Körper – insbesondere das Nervensystem, die Muskelspannung und unser Atemmuster. Warum sich das Atemmuster unter Belastung verändert, beschreibt der Beitrag richtig atmen bei Stress.
Genau hier wird das Zwerchfell wieder interessant.
Unter Stress verändert sich unsere Atmung oft unbemerkt. Sie wird schneller, flacher und verlagert sich vom Bauch in den oberen Brustkorb.
Häufig entwickelt sich dabei eine dauerhaft flache oder beschleunigte Atmung. Mehr dazu erklärt der Beitrag chronische Überatmung erkennen.
Viele Menschen halten außerdem unbewusst immer wieder kurz den Atem an oder verspannen Bauch-, Brust- und Schultermuskulatur. Das ist eine normale Reaktion des Körpers auf Belastung – wird sie jedoch zum Dauerzustand, kann sie die natürliche Beweglichkeit des Zwerchfells einschränken.
Warum ist das wichtig?
Wie wir bereits gesehen haben, ist das Zwerchfell nicht nur unser wichtigster Atemmuskel. Es bildet gemeinsam mit dem unteren Speiseröhrenschließmuskel einen wesentlichen Bestandteil der natürlichen Antireflux-Barriere. Damit liegt eine naheliegende Vermutung nahe: Wenn das Zwerchfell dauerhaft nicht frei und koordiniert arbeiten kann, könnte auch seine unterstützende Funktion für den Verschluss zwischen Magen und Speiseröhre beeinträchtigt sein.
Die bisherige Forschung kann diese Ursache-Wirkungs-Beziehung noch nicht eindeutig belegen. Sie liefert jedoch eine physiologisch gut nachvollziehbare Erklärung dafür, warum viele Betroffene gerade in stressreichen Phasen stärkere Refluxbeschwerden entwickeln. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Studien, dass ein gezieltes Training des Zwerchfells die Beschwerden vieler Patienten verbessern kann. Beide Beobachtungen passen erstaunlich gut zusammen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Stress verändert nicht nur körperliche Abläufe, sondern auch unsere Wahrnehmung. Das Nervensystem wird empfindlicher, Schmerzsignale werden stärker verarbeitet und bereits geringe Mengen von Reflux können als besonders belastend empfunden werden. Reflux ist deshalb nicht ausschließlich ein mechanisches oder chemisches Problem – auch das Nervensystem spielt eine wichtige Rolle.
Genau deshalb verfolgt eine moderne Atemtherapie einen ganzheitlichen Ansatz. Sie kann dazu beitragen, das Atemmuster zu normalisieren, unnötige Muskelspannung zu reduzieren und das Zusammenspiel zwischen Atmung, Zwerchfell und Nervensystem zu verbessern. Gleichzeitig trainiert sie einen Muskel, der nach heutigem wissenschaftlichem Verständnis eine zentrale Rolle für die natürliche Antireflux-Barriere spielt.
💡 Merke: Stress kann Reflux auf mehreren Ebenen beeinflussen – über das Nervensystem, das Atemmuster und die Funktion des Zwerchfells. Genau deshalb könnte eine gezielte Atemtherapie mehr bewirken als reine Entspannung.
Warum Atemtherapie mehr ist als einfach nur tief durchatmen
Nach den bisherigen Erkenntnissen liegt eine naheliegende Frage auf der Hand:
Wenn das Zwerchfell trainiert werden kann – reicht es dann aus, einfach regelmäßig tief in den Bauch zu atmen?
Die Antwort lautet: Nicht unbedingt.
Viele Menschen verbinden Atemtraining mit einigen tiefen Atemzügen oder einer kurzen Entspannungsübung. Für eine funktionierende Zwerchfellatmung ist jedoch nicht entscheidend, wie tief wir atmen, sondern wie gut das Zwerchfell seine Aufgabe erfüllen kann.
Wer zunächst verstehen möchte, wie eine funktionelle Atmung überhaupt aussieht, findet hier eine Einführung zum Thema gesund atmen.
In der Atemtherapie geht es deshalb nicht darum, möglichst viel Luft einzuatmen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage:
Wie atmet dieser Mensch eigentlich im Alltag?
Denn jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens ein individuelles Atemmuster. Schmerzen, chronischer Stress, Operationen, eine überwiegende Brustatmung, eine eingeschränkte Beweglichkeit des Brustkorbs oder auch jahrelange Mundatmung können dazu führen, dass das Zwerchfell nicht mehr frei und koordiniert arbeitet. Oft geschieht das schleichend und bleibt den Betroffenen völlig unbemerkt.
Deshalb beginnt eine qualifizierte Atemtherapie nicht mit Übungen, sondern mit einer sorgfältigen Analyse des Atemmusters. Dabei werden unter anderem die Beweglichkeit von Brustkorb und Bauchraum, die Atemfrequenz, die Atemtiefe, die Koordination der Atembewegung sowie mögliche Spannungen im Rumpf beobachtet. Erst wenn diese Zusammenhänge verstanden sind, lässt sich ein individuell passendes Übungsprogramm entwickeln.
Das Ziel besteht nicht darin, möglichst tief oder möglichst langsam zu atmen. Vielmehr soll die Atmung ökonomischer, freier und funktioneller werden. Das Zwerchfell soll seine natürliche Beweglichkeit zurückgewinnen und sowohl seine Aufgabe als Atemmuskel als auch seine unterstützende Funktion innerhalb der Antireflux-Barriere möglichst effizient erfüllen können.
Je nach Ausgangssituation können dabei unterschiedliche Schwerpunkte sinnvoll sein. Dazu gehören beispielsweise:
- die natürliche Beweglichkeit des Zwerchfells verbessern*,
- eine entspannte Nasenatmung fördern,
- unnötige Spannungen in Bauch-, Brust- und Schultermuskulatur reduzieren,
- die Beweglichkeit des Brustkorbs unterstützen,
- das Zusammenspiel zwischen Atmung, Haltung und Rumpfstabilität verbessern,
- sowie die Atmung besser an Belastung und Entspannung anpassen.
* Es ist wichtig anzumerken, dass das Zwerchfell nicht isoliert arbeitet. Es ist funktionell mit Bauchwand, Beckenboden, tiefer Rumpfmuskulatur und Brustkorb verbunden. Gerade dieses Zusammenspiel ist in der modernen Atemtherapie zentral und macht deutlich, warum es nicht genügt, lediglich „tief einzuatmen“.
Wichtig ist dabei: Nicht jede Form von Reflux hat dieselbe Ursache. Manche Menschen leiden unter einer Hiatushernie, andere unter einer ausgeprägten Schließmuskelschwäche oder einer stark entzündeten Speiseröhre. Eine Atemtherapie ersetzt deshalb weder die ärztliche Diagnostik noch eine notwendige medikamentöse Behandlung. Sie kann jedoch – insbesondere auf Grundlage der aktuellen Studien – eine sinnvolle ergänzende Maßnahme sein, um die Funktion der natürlichen Antireflux-Barriere gezielt zu unterstützen.
💡 Merke: Atemtherapie bedeutet nicht, einfach „tiefer zu atmen“. Sie verfolgt das Ziel, das individuelle Atemmuster zu verbessern und das Zwerchfell wieder in die Lage zu versetzen, seine Aufgaben als Atemmuskel und als Bestandteil der natürlichen Antireflux-Barriere möglichst effizient zu erfüllen.
Welche Atemübungen können bei Reflux sinnvoll sein?
Nachdem wir uns angesehen haben, warum das Zwerchfell eine so wichtige Rolle für die natürliche Antireflux-Barriere spielt und welche Ergebnisse aktuelle Studien zeigen, stellt sich nun die praktische Frage:
Welche Atemübungen eignen sich bei Reflux?
Die wissenschaftlichen Untersuchungen verwendeten unterschiedliche Trainingsprogramme. Es gibt also nicht die eine Atemübung, die bei allen Menschen mit Reflux gleichermaßen wirkt. Gemeinsam ist den erfolgreichen Programmen jedoch ein Ziel: die Funktion des Zwerchfells zu verbessern und ein ruhiges, ökonomisches Atemmuster zu fördern.
Die folgenden Übungen orientieren sich an diesen Prinzipien. Sie ersetzen keine individuelle Atemtherapie, können aber einen guten Einstieg darstellen.
Übung 1: Das Zwerchfell wieder bewusst wahrnehmen
Bevor das Atemmuster verändert wird, lohnt sich zunächst eine bewusste Wahrnehmung der eigenen Atmung.
Eine Hand wird auf den Brustkorb gelegt, die andere auf den Bauch. Anschließend erfolgt eine ruhige Nasenatmung, ohne den Atem bewusst beeinflussen zu wollen.
Nun lässt sich beobachten:
- Welche Hand bewegt sich stärker?
- Hebt sich vor allem der Brustkorb?
- Oder bewegt sich der Bauch sanft mit?

Zeigt sich überwiegend eine Brustatmung, so sollte nicht versucht werden, den Bauch aktiv herauszudrücken. Oft genügt bereits die Vorstellung, dass sich die Einatmung etwas weiter nach unten in den Bauchraum ausbreiten darf. Die Bewegung sollte ruhig, weich und mühelos bleiben.
Bereits fünf Minuten tägliches Üben können ausreichen, um das eigene Atemmuster bewusster wahrzunehmen.
Übung 2: Sanfter Einatem-Widerstand zur Aktivierung des Zwerchfells
Diese Übung empfiehlt sich erst dann, wenn die erste Übung angenehm gelingt und eine entspannte Nasenatmung möglich ist.
Zunächst erfolgt eine ruhige Ein- und Ausatmung durch die Nase. Während der Einatmung werden die Nasenflügel mit Daumen und Zeigefinger leicht zusammengedrückt, sodass der Luftstrom ungefähr um 30 bis maximal 50 Prozent reduziert wird. Die Einatmung sollte dadurch etwas langsamer und bewusster erfolgen, aber niemals unangenehm oder anstrengend werden.
Sobald die Einatmung beendet ist, lösen Sie den leichten Druck auf die Nasenflügel wieder. Die Ausatmung erfolgt ohne Widerstand, ruhig und entspannt durch die Nase.
Der leichte Einatem-Widerstand erhöht die Aktivität der Einatmungsmuskulatur, insbesondere des Zwerchfells, und kann so einen gezielten Trainingsreiz setzen.
Die Übung kann zunächst zwei bis fünf Minuten in ruhigem Tempo durchgeführt werden. Treten Luftnot, Schwindel oder Spannungsgefühle auf, sollte die Übung beendet werden.

💡 Wichtig: Ziel ist nicht, möglichst kräftig gegen den Widerstand einzuatmen. Entscheidend ist eine ruhige, entspannte und kontrollierte Atembewegung.
💡 Weniger ist oft mehr.
Bei Atemübungen kommt es nicht darauf an, möglichst tief oder möglichst viel zu atmen. Im Gegenteil: Eine ruhige, entspannte und regelmäßige Übungspraxis ist meist wirksamer als große, angestrengte Atemzüge. Qualität geht vor Intensität.
Reflux natürlich behandeln: Für wen kann Atemtherapie bei Reflux besonders sinnvoll sein?
Nicht jeder Reflux hat dieselbe Ursache. Deshalb wird auch nicht jeder Mensch gleichermaßen von einer Atemtherapie profitieren.
Die bisherigen Studien deuten jedoch darauf hin, dass ein gezieltes Zwerchfelltraining insbesondere dann sinnvoll sein könnte, wenn eine eingeschränkte Funktion der natürlichen Antireflux-Barriere eine Rolle spielt.
Eine ergänzende Atemtherapie kann beispielsweise interessant sein für Menschen,
- die trotz Medikamente weiterhin unter Refluxbeschwerden leiden,
- die ihre medikamentöse Behandlung sinnvoll ergänzen möchten,
- deren Beschwerden sich unter Stress deutlich verstärken,
- die überwiegend flach in den Brustkorb atmen,
- oder die sich einen ganzheitlichen Behandlungsansatz wünschen.
Umgekehrt gilt aber auch: Plötzlich auftretende starke Beschwerden, Schluckstörungen, ungewollter Gewichtsverlust, Blut im Stuhl oder anhaltende Schmerzen sollten immer ärztlich abgeklärt werden. Eine Atemtherapie ersetzt keine medizinische Diagnostik.
💡 Merke: Atemtherapie versteht sich nicht als Alternative zur Medizin, sondern als sinnvolle Ergänzung – insbesondere dann, wenn die Funktion des Zwerchfells verbessert werden soll.
Häufige Fragen zur Atemtherapie bei Reflux (FAQ)
Kann Atemtherapie Reflux heilen?
Gerade da die Ursachen von Reflux sehr unterschiedlich sind, kann man dies so nicht sagen Die aktuelle Forschung zeigt jedoch, dass ein gezieltes Training des Zwerchfells die Beschwerden vieler Betroffener verbessern kann. Atemtherapie kann deshalb eine sinnvolle Ergänzung zur medizinischen Behandlung sein.
Wie lange dauert es, bis Atemübungen wirken?
Die bisherigen Studien arbeiteten meist über mehrere Wochen. Viele Teilnehmer übten täglich. Wie schnell sich Verbesserungen zeigen, hängt unter anderem von der Ursache des Refluxes, dem individuellen Atemmuster und der Regelmäßigkeit des Trainings ab.
Kann ich Medikamente einfach absetzen?
Nein. Medikamente sollten niemals eigenständig abgesetzt werden. Verbessern sich die Beschwerden, sollte das weitere Vorgehen mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.
Hilft Atemtherapie auch bei einer Hiatushernie?
Eine Hiatushernie lässt sich durch Atemübungen nicht „zurücktrainieren“. Dennoch kann es sinnvoll sein, die Funktion des Zwerchfells zu verbessern und ungünstige Atemmuster zu verändern. Ob dies im Einzelfall hilfreich ist, sollte individuell beurteilt werden.
Fazit: Vielleicht beginnt die Behandlung von Reflux an einer ganz anderen Stelle
Über viele Jahre stand bei Reflux vor allem die Magensäure im Mittelpunkt. Heute zeichnet die Forschung ein differenzierteres Bild.
Nicht die Magensäure selbst ist das Problem – sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Verdauung. Beschwerden entstehen vor allem dann, wenn die natürliche Antireflux-Barriere ihre Schutzfunktion nicht mehr ausreichend erfüllt.
Zu dieser Barriere gehört nicht nur der untere Speiseröhrenschließmuskel, sondern auch das Zwerchfell – unser wichtigster Atemmuskel.
Aktuelle Studien zeigen, dass ein gezieltes Training des Zwerchfells die Beschwerden vieler Menschen mit Reflux verbessern kann. Auch wenn weitere hochwertige Untersuchungen notwendig sind, sprechen die bisherigen Ergebnisse dafür, dass Atemtherapie ein vielversprechender ergänzender Behandlungsansatz sein könnte.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, den Blick nicht nur auf die Magensäure zu richten.
Sondern auch auf den Muskel, der sie normalerweise dort hält, wo sie hingehört.
Kann die Atmung zu den Refluxbeschwerden beitragen?
In einer atemtherapeutischen Untersuchung lässt sich beurteilen,
- wie das individuelle Atemmuster aussieht,
- wie beweglich Ihr Zwerchfell arbeitet,
- ob Hinweise auf funktionelle Einschränkungen bestehen,
- und welche Übungen sinnvoll sein könnten.
Der Kurs umfasst fast 6 Stunden Video-Inhalte sowie umfangreiches Begleitmaterial und ist jederzeit flexibel abrufbar.
