Kann die Art, wie wir atmen, beeinflussen, wie wir unseren Kopf halten? Und kann eine erschwerte Nasenatmung sogar Veränderungen der Körperhaltung begünstigen?
Diese Fragen werden seit vielen Jahren untersucht. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass Mundatmung und Körperhaltung tatsächlich miteinander verbunden sind.
Dabei ist die Sache allerdings nicht so einfach, wie es manchmal dargestellt wird. Mundatmung führt nicht zwangsläufig zu einer „schlechten Haltung“. Und nicht jede nach vorne verlagerte Kopfhaltung ist ein Zeichen für eine gestörte Atmung.
Wahrscheinlicher ist ein Wechselspiel: Wenn die Nasenatmung erschwert ist oder das Atmen mehr Aufwand erfordert, können sich Position und Muskelaktivität von Zunge, Unterkiefer, Kopf und Hals verändern. Umgekehrt beeinflusst die Stellung von Kopf und Hals auch die mechanischen Bedingungen im oberen Atemweg.
Atmung und Haltung sind deshalb nicht voneinander unabhängige Systeme.
Was hat die Mundatmung mit der Haltung zu tun?
Beim Atmen muss die Luft einen Weg durch Nase, Rachen und Kehlkopf bis in die Lunge nehmen. Dabei sind verschiedene Strukturen beteiligt: die Zunge, der Unterkiefer, die Muskulatur des Halses und des Brustkorbs und natürlich das Zwerchfell.
Wenn die Nasenatmung erschwert ist, wird die Mundatmung zu einer naheliegenden Möglichkeit, trotzdem ausreichend Luft zu bekommen.
Damit verändert sich aber auch die Stellung einiger dieser Strukturen.
Die Zunge liegt bei geschlossenen Lippen normalerweise weitgehend im Mundraum und hat Kontakt zum Gaumen. Wird überwiegend durch den Mund geatmet, verändert sich häufig die Ruheposition von Zunge und Unterkiefer. Auch die Stellung des Kopfes kann sich verändern.
Warum?
Eine mögliche Erklärung ist, dass der Körper versucht, den Atemweg möglichst günstig zu halten. Die Position von Unterkiefer, Zunge, Rachen und Kopf beeinflusst nämlich, wie viel Platz im oberen Atemweg zur Verfügung steht.
Das ist kein bewusster Vorgang. Niemand entscheidet bewusst: „Ich strecke jetzt meinen Kopf nach vorne, damit ich besser atmen kann.“
Der Körper passt seine Haltung vielmehr an die jeweilige Situation an.

Mundatmung und Körperhaltung in Studien
Eine interessante Untersuchung stammt von Sforza und Kollegen. Zehn gesunde junge Erwachsene wurden vorübergehend daran gehindert, durch die Nase zu atmen. Dazu wurde ein Nasenclip verwendet; die Teilnehmer mussten durch den Mund atmen.
Bei allen Teilnehmern veränderte sich dabei die Position von Kopf und Hals. Allerdings waren Richtung und Ausmaß der Veränderung von Person zu Person unterschiedlich.
Zwar zeigte die Studie also nicht, dass Mundatmung bei jedem Menschen dieselbe Haltung verursacht. Sie zeigte aber, dass eine Veränderung des Atemwegs beziehungsweise der Atmung kurzfristig mit einer Veränderung der Kopf-Hals-Position einhergehen kann.
Das spricht dafür, dass zwischen Atmung und Haltung eine unmittelbare mechanische Verbindung besteht.

Wenn die Nase besser durchgängig wird, kann sich auch die Kopfhaltung verändern
Auch die umgekehrte Beobachtung wurde gemacht.
Wenzel, Henriksen und Melsen untersuchten Kinder mit Asthma, allergischem Schnupfen und erschwerter Nasenatmung. Ein Teil der Kinder erhielt ein kortisonhaltiges Nasenspray, das die Nasenschleimhaut abschwellen ließ; die Vergleichsgruppe erhielt ein Placebo.
Bei den behandelten Kindern nahm der Widerstand in der Nase deutlich ab. Gleichzeitig veränderte sich die Kopfhaltung: Der Kopf wurde weniger nach hinten gestreckt. In der Placebogruppe zeigte sich diese Veränderung nicht in gleicher Weise.
Auch diese Studie untermauerte die Beobachtung, dass eine Veränderung der Nasenatmung mit einer Veränderung der Kopfhaltung einhergehen kann und dass zwischen Atmung und Haltung eine unmittelbare Verbindung besteht.
Die Beziehung funktioniert auch in die andere Richtung
Es wäre allerdings zu einfach, nur zu sagen:
Mundatmung → veränderte Körperhaltung.
Denn die Kopfhaltung beeinflusst ihrerseits den Atemweg.
Mehrere Untersuchungen haben sich damit beschäftigt, wie sich der Raum im Rachen bei unterschiedlichen Kopf- und Halspositionen verändert. Dabei zeigte sich unter anderem, dass eine Streckung des Kopfes den verfügbaren Raum im Rachen vergrößern kann. Auch die Stellung der Halswirbelsäule steht mit Veränderungen des pharyngealen Atemwegs in Zusammenhang.
Der pharyngeale Atemweg ist dabei nichts anderes als der Rachenraum, durch den die Luft auf ihrem Weg von Nase und Mund in Richtung Kehlkopf und Lunge gelangt.
Damit ergibt sich ein Wechselspiel:
Atemweg → Kopf- und Halsposition → Atemweg
Eine veränderte Atmung kann also die Haltung beeinflussen. Die Haltung kann gleichzeitig die Bedingungen für die Atmung verändern.
Was bedeutet „Lordose“?
In Studien zur Körperhaltung taucht häufig ein Begriff auf, der für Laien zunächst sperrig klingt: Lordose.
Damit wird eine nach vorne gerichtete Krümmung der Wirbelsäule bezeichnet. Die Halswirbelsäule und die Lendenwirbelsäule besitzen normalerweise eine solche Krümmung.
Eine stärkere Lordose ist deshalb nicht automatisch krankhaft. Entscheidend ist immer der Zusammenhang.
Bei einer veränderten Kopfhaltung können sich jedoch auch die Krümmungen der darunterliegenden Wirbelsäulenabschnitte verändern. Der Körper versucht, den Kopf über dem Rumpf zu stabilisieren – und eine Veränderung an einer Stelle kann deshalb Anpassungen an anderer Stelle nach sich ziehen.
Genau solche Zusammenhänge wurden auch bei Mundatmung untersucht.
Die 2026 erschienene systematische Übersichtsarbeit von Campbell und Kollegen fasste die bisherige Forschung zu den muskuloskelettalen Folgen von Mundatmung bei Erwachsenen zusammen. In den eingeschlossenen Studien wurden unter anderem eine nach vorne verlagerte Kopfhaltung und eine stärkere Lendenlordose beschrieben.
Das zeigt, dass mögliche Zusammenhänge nicht auf Kopf und Nacken beschränkt sind. So könnte Mundatmung beispielsweise mit einem „Hohlkreuz“ in Zusammenhang stehen.

Was die Atemmuskulatur damit zu tun hat
Bei ruhiger Atmung übernimmt vor allem das Zwerchfell die Arbeit. Es liegt unterhalb der Lunge und senkt sich bei der Einatmung ab. Mehr zum Zwerchfell findest du in meinem Artikel Zauberhaftes Zwerchfell.
Bei höherem Atembedarf kommen weitere Muskeln hinzu. Dazu gehören Muskeln des Brustkorbs sowie Muskeln im Bereich von Hals und Schultergürtel.
Das lässt sich im Alltag leicht beobachten: Wenn wir uns stark anstrengen und außer Atem kommen, bewegt sich nicht nur der Bauch. Auch Brustkorb, Schultern und Hals können deutlich stärker an der Atmung beteiligt sein.

Für die Körperhaltung ist das interessant, weil diese Muskeln gleichzeitig an der Stabilisierung von Kopf, Hals und Brustkorb beteiligt sind.
Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit fand bei erwachsenen Mundatmern außerdem Unterschiede in der Muskelaktivität. Unter anderem wurde eine geringere Aktivität bestimmter Kaumuskeln und eine stärkere Aktivität von Muskeln unterhalb des Unterkiefers beschrieben.
Auch hier gilt: Das sind beobachtete Zusammenhänge, keine einfache Erklärung nach dem Muster „Mundatmung macht Muskel X schwach und Muskel Y stark“.

Was zeigen die Studien bei Kindern?
Bei Kindern stellt sich zusätzlich die Frage, ob eine langfristige Mundatmung nicht nur die aktuelle Haltung, sondern auch die Entwicklung von Kiefer und Gesicht beeinflussen kann. Mehr zu Ursachen und möglichen Folgen der Mundatmung bei Kindern findest du hier.
Eine systematische Übersichtsarbeit von Neiva und Kollegen untersuchte zehn Studien mit insgesamt 417 Kindern im Alter von fünf bis 14 Jahren. Mehrere Studien fanden bei Mundatmern eine nach vorne verlagerte Kopfhaltung.
Eine weitere Studie untersuchte 107 Kinder. Eine auffällige Kopfhaltung wurde bei 80 Prozent der Mundatmer festgestellt, gegenüber 48,4 Prozent der Nasenatmer. Zusätzlich zeigten sich Unterschiede bei den gemessenen Atemdrücken.
Das zeigt: Körperhaltung wird von vielen Faktoren beeinflusst: Wachstum, Körperbau, Bewegung, Muskelkraft, Gewohnheiten und natürlich auch von der individuellen Anatomie der Atemwege.
Mundatmung und die Entwicklung von Kiefer und Gesicht
Bei Kindern kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu.
Während des Wachstums verändern sich Kiefer, Gaumen und Gesicht. Die Frage ist deshalb, ob eine über längere Zeit bestehende veränderte Atmung daran beteiligt sein kann.
Dazu gibt es inzwischen mehrere systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen.
Bei Kindern mit Mundatmung wurden unter anderem häufiger ein schmalerer Oberkiefer, ein höherer beziehungsweise stärker gewölbter Gaumen und bestimmte Veränderungen der Zahnstellung beschrieben. Neuere Untersuchungen fanden ebenfalls Unterschiede bei der Breite des oberen Zahnbogens und der Form des Gaumens. Mehr dazu findest du in meinem Artikel zu Mundatmung bei Kindern. Auch die Mundgesundheit kann betroffen sein: Wie Mundtrockenheit, Speichel und Karies zusammenhängen, habe ich im Beitrag Mundatmung und Karies ausführlicher beschrieben.
Gesichtswachstum hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören genetische Voraussetzungen, das individuelle Wachstumsmuster, Muskelkräfte, Zungenposition, Kieferentwicklung und die Anatomie der Atemwege. Mundatmung kann dabei ein Faktor sein.
Was zeigen die alten Affenexperimente?
Ein Teil der Forschung reicht sogar noch weiter zurück.
Harvold und Kollegen untersuchten Anfang der 1980er-Jahre junge Rhesusaffen, deren Nasenatmung künstlich behindert wurde. Die Tiere begannen dadurch über den Mund zu atmen. Im weiteren Verlauf entwickelten sich Unterschiede bei Gesicht und Zahnstellung gegenüber den Kontrolltieren. Eine Folgestudie beschrieb außerdem Veränderungen der Wachstumsrichtung des Unterkiefers.
Solche Tierversuche lassen sich selbstverständlich nicht direkt auf den Menschen übertragen.
Sie liefern aber einen interessanten Hinweis auf einen möglichen Mechanismus: Wenn sich die Atemwegsbedingungen während des Wachstums langfristig verändern, können sich auch die Kräfte und Positionen verändern, die auf Kiefer und Gesicht einwirken.
Kann eine Veränderung des Kiefers wiederum die Atmung beeinflussen?
Auch hierzu gibt es Untersuchungen.
Bei mundatmenden Mädchen mit eingeschränkten Atemwegsverhältnissen wurde in einer kontrollierten Studie eine kieferorthopädische Erweiterung des Oberkiefers durchgeführt. Nach der Behandlung verbesserten sich die nasopharyngealen Verhältnisse. Gleichzeitig veränderten sich Kopf- und Halsposition sowie die Halswirbelsäulenkrümmung. Zwischen der Verbesserung der Atemwegsverhältnisse und der Veränderung der Kopfhaltung bestand eine deutliche Korrelation.
Auch diese Studie zeigte eindrucksvoll: Atemweg, Kiefer, Zunge, Kopf und Hals sind mechanisch miteinander verbunden.
Mundatmung ist nicht immer das eigentliche Problem
Das ist für die Praxis ein wichtiger Punkt.
Wenn jemand dauerhaft durch den Mund atmet, reicht es nicht unbedingt, ihm zu sagen:
„Atmen Sie einfach durch die Nase.“
Die wichtigere Frage lautet:
Warum ist die Nasenatmung überhaupt eingeschränkt oder warum wird der Mund beim Atmen geöffnet?
Mögliche Gründe sind zum Beispiel:
- eine chronisch verstopfte Nase,
- Allergien,
- anatomische Besonderheiten,
- vergrößerte Strukturen im Nasen- oder Rachenraum,
- Gewohnheiten,
- Veränderungen im Bereich von Zunge und Kiefer,
- Schnarchen oder andere schlafbezogene Atemstörungen wie Schlafapnoe.
Mehr über Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der Schlafapnoe findest du in meinem ausführlichen Beitrag zur Schlafapnoe.
Mundatmung kann deshalb eine Anpassung an ein anderes Problem sein. Und manchmal wird aus dieser Anpassung mit der Zeit eine Gewohnheit.
Mundatmung, Schnarchen, Nackenschmerz & Co?
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Was bedeutet das für die Körperhaltung?
Aus meiner Sicht ist deshalb ein anderer Blick auf Haltung sinnvoll.
Eine Haltung muss nicht deshalb verändert werden, weil sie auf einem Foto nicht dem Idealbild entspricht.
Interessanter ist die Frage:
Kann sich der Körper frei an unterschiedliche Situationen anpassen?
Kann der Kopf sich bewegen? Kann die Atmung ruhig und möglichst unangestrengt erfolgen? Ist die Nase frei? Kann die Zunge in Ruhe eine günstige Position einnehmen? Muss die Hals- und Schultermuskulatur ständig mitarbeiten?
Was kann man selbst beobachten?
Ein paar einfache Fragen können einen ersten Eindruck vermitteln:
- Atme ich im Alltag überwiegend durch die Nase oder durch den Mund?
- Ist meine Nase häufig verstopft?
- Wache ich morgens mit trockenem Mund auf?
- Schnarche ich?
- Verändert sich meine Atmung bei Belastung deutlich?
- Wo liegt meine Zunge normalerweise, wenn ich nichts esse und nicht spreche?
- Sind Kiefer, Nacken oder Schultern häufig angespannt? Wenn dich besonders der Zusammenhang zwischen Atmung, Nacken und Verspannung interessiert, findest du dazu mehr in meinem Beitrag Kann falsche Atmung Nackenschmerzen verursachen?
- Fällt mir die Nasenatmung nachts schwerer als tagsüber?
Das sind keine diagnostischen Tests. Sie können aber helfen, Zusammenhänge wahrzunehmen, die sonst leicht übersehen werden.
Bei dauerhaft eingeschränkter Nasenatmung, starkem Schnarchen oder Verdacht auf eine Schlafapnoe sollte die Ursache medizinisch abgeklärt werden.
Was bleibt von der Forschung?
Die Forschung zeichnet inzwischen ein recht klares Bild davon, dass Atmung und Körperhaltung miteinander verbunden sein können.
Sie zeigt Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Mundatmung und
- Kopf- und Halsposition,
- Hals- und Lendenwirbelsäule,
- Muskelaktivität,
- Kieferfunktion,
- Atemwegsweite
- und bei Kindern auch der Entwicklung von Kiefer und Gesicht.
Zwar ist die Aussage:
„Mundatmung verursacht eine schlechte Körperhaltung“
zu einfach.
Treffender ist:
Mundatmung und Körperhaltung können sich gegenseitig beeinflussen. Eine erschwerte Nasenatmung oder Mundatmung kann Veränderungen von Kopf, Hals und Muskelarbeit begünstigen. Gleichzeitig kann die Kopf- und Halsposition die mechanischen Bedingungen für die Atmung verändern.
Atmung findet nicht isoliert in der Lunge statt.
Sie ist mit dem gesamten System aus Atemwegen, Zunge, Kiefer, Kopf, Hals, Brustkorb und Zwerchfell verbunden.
Und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf die Mundatmung im Fokus.
Quellen und weiterführende Literatur
- Campbell et al. (2026): The Musculoskeletal Consequences of Mouth Breathing in Adults: A Systematic Review.
- Sforza et al. (2004): Induced oral breathing and craniocervical postural relations: an experimental study in healthy young adults.
- Wenzel, Henriksen & Melsen (1983): Nasal respiratory resistance and head posture: effect of intranasal corticosteroid.
- Muto et al. (2002): The effect of head posture on the pharyngeal airway space (PAS)
- Huggare & Laine-Alava (1997): Nasorespiratory function and head posture.
- Neiva et al. (2018): Postural disorders in mouth breathing children: a systematic review.
- Tecco et al. (2005): Changes in head posture after rapid maxillary expansion in mouth-breathing girls.
- Harvold et al. (1981/1982): Primate experiments on oral respiration.
- Zhao et al. (2021): Effects of mouth breathing on facial skeletal development in children: a systematic review and meta-analysis.
- Okuro et al. (2011). Exercise capacity, respiratory mechanics and posture in mouth breathers.
