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ADHS & Atmung: Wie Atemtherapie helfen kann

Würde es dich überraschen zu erfahren, dass ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung) und ähnliche psychiatrische Beschwerden in vielen Fällen in einem direkten Zusammenhang mit der Atmung, oder besser gesagt, mit einer gestörten Atmung stehen? 

Tatsächlich häufen sich in jüngster Zeit Studien, die darauf hindeuten, dass Atmungsstörungen gerade bei Kindern ähnliche Verhaltensprobleme hervorrufen können. Diese Erkenntnisse können aus der atemtherapeutischen Praxis und Arbeit mit Kindern bestätigt werden. Gerade die positiven Ergebnisse mit therapeutischer Atemarbeit bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS sollten Anlass geben, ein neues Verständnis und neue Behandlungsansätze für diese heute weitverbreitete Diagnose zu erlangen.

Neueste Erkenntnisse: Atmung und psychiatrische Beschwerden wie ADHS

Atmung und psychiatrische Beschwerden wie ADHS stellt laut neuesten Erkenntnissen in einem Zusammenhang.

Eine umfassende Studie, veröffentlicht im renommierten Journal of Attention Disorders, zeigt einen gut belegten Zusammenhang zwischen schlafbezogenen Atmungsstörungen und ADHS. Zu den schlafbezogenen Atemstörungen zählen die obstruktive Schlafapnoe sowie deren Vorstufe, das Schnarchen, und Mundatmung. Diese können nicht nur zur Entwicklung und Verschlimmerung von ADHS-Symptomen beitragen, sondern auch kognitive Defizite verursachen, die ADHS-Symptome nachahmen können, so die Autoren der Studie (Ivanov et al., 2024). 

In vielen Fällen wird der Zusammenhang der ADHS-Symptome allerdings nicht mit einer Atemstörungen in Zusammenhang gebracht und eventuell unnötigerweise medikamentös behandelt.

Schlafbezogene Atmungsstörungen und ihre Auswirkungen

Schlafbezogene Atmungsstörungen, wie Schnarchen, Mundatmung oder Schlafapnoe, sind bei Kindern nicht ungewöhnlich. Geschätzt schnarchen ca. 20 % der Kinder in Deutschland. Konservativ geschätzt leiden etwa 3 % der Kinder unter unter einer obstruktiven Schlafapnoe, also wiederkehrenden Atemaussetzern während des Schlafes.

Kinder mit Atmungsstörungen entwickeln bis zu 40- bis 100-mal häufiger Verhaltensprobleme, die an ADHS erinnern. Studien zeigen auch, dass ADHS in bis zu 50 % der Fälle gemeinsam mit Atemstörungen auftritt (Kalaskar et al., 2021). 

Viele Patienten berichten z.B., dass sie regelmäßig “vergessen zu atmen” und unbewusst den Atem anhalten. Betroffene Kinder sind häufig laute Schläfer, d.h. sie schnarchen nachts und schlafen unruhig.

Es ist nicht vollständig geklärt, ob ADHS immer mit schlafbezogenen Atemproblemen, mit Schlafapnoe, Schnarchen oder Mundatmung einhergeht. Klar ist nun jedoch, dass Atemstörungen ADHS oder ähnliche Symptome verschlimmern oder verursachen können.

Was ist ADHS?

ADHS oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung gilt als eine neurologische Entwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt und oft bis ins Erwachsenenalter anhält. Hauptmerkmale sind:

  1. Aufmerksamkeitsprobleme: z.B. Schwierigkeiten, längere Zeit bei einer Aufgabe zu bleiben.
  2. Hyperaktivität: z.B. ständiges zappeln, herumlaufen, wenn es unpassend ist, etc.
  3. Impulsivität: z.B. Handeln ohne nachzudenken, etc.

ADHS kann das tägliche Leben erheblich beeinflussen, sowohl in der Schule oder bei der Arbeit als auch in sozialen Situationen.

Wie bewirken Atemstörungen ADHS und ähnliche Symptome?

Obwohl die genauen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind, gibt es einige plausible Erklärungen:

  1. Sauerstoffversorgung des Gehirns: Atemstörungen können zu einer unzureichenden Sauerstoffversorgung führen, was sich negativ auf die Gehirnfunktion und das Verhalten auswirken kann.
  2. Stressreaktion: Atemstörungen lösen eine erhöhte Stressreaktion aus. Chronischer Stress beeinflusst die Regulation von Neurotransmittern und Hormonen, die mit psychiatrischen Störungen in Verbindung gebracht werden.
  3. Schlafstörungen: Ein gestörter Schlaf aufgrund von Atemstörungen beeinträchtigt kognitive Funktionen, Verhalten und Stimmung, die Gedächtniskonsolidierung, das Lernen und den Abbau von Giftstoffen im Gehirn.
  4. Entzündungsprozesse: Atemstörungen können Entzündungen im Körper auslösen, die auch das Gehirn beeinflussen und das Risiko für psychische Probleme erhöhen.
ADHS: Atemstörungen können zu einer unzureichenden Sauerstoffversorgung führen, was sich negativ auf die Gehirnfunktion und das Verhalten auswirken kann.

Die Rolle der Nasen- und Mundatmung

Nicht nur nachts bestehen bei vielen Kindern (und Erwachsenen) Atmungsstörungen, welche sich auf die Gesundheit negativ auswirken. Insbesondere die Mundatmung ist hier hervorzuheben. 

Mundatmung wird durch verschiedene Faktoren ausgelöst, z.B. aufgrund von Allergien, Erkältungen, Nasennebenhöhlenentzündungen oder strukturellen Anomalien (z.B. vergrößerte Mandeln, die zu einer Verstopfung der Nasengänge führen).

Während Nasenatmung die korrekte Form der Atmung ist, unter anderem wird so die Atemluft erwärmt, gefiltert und gereinigt, kann chronische Mundatmung sowohl körperliche als auch geistige Entwicklungsprobleme verursachen. 

Während die Nasenatmung eine leichtere Sauerstoffaufnahme ermöglicht, ist Mundatmung weniger effizient und reduziert die Sauerstoffaufnahme. Weitere Auswirkungen einer Mundatmung können Infektanfälligkeit, höheres Risiko für Zahnkrankheiten, gestörter Schlaf, beeinträchtigte Leistungsfähigkeit sowie psychiatrische Symptome sein.

Wenn wir chronisch durch den Mund atmen, interpretiert unser Stammhirn dies als Bedrohung und stimuliert die Freisetzung von Cortisol und Adrenalin. Das kann zu Reizüberflutung, einer Verschlechterung der Schlafqualität und Hyperaktivität führen. Speziell bei Kindern wird dies häufig als ADHS diagnostiziert.

Fallbeispiel aus der Praxis

Ein 10-jähriger Junge litt unter häufig wiederkehrenden Infekten. Seit zwei Jahren war er von Herbst bis Frühsommer nur selten vollständig gesund. In dieser Zeit hatte sich ein chronischer Husten entwickelt, mit Hustenanfällen, die den Jungen bis zum Erbrechen brachten. Aus diesem Grund kamen die Eltern mit ihrem Sohn zu mir in die Sprechstunde. Im Laufe der Anamnese erfuhr ich, dass der Junge unter nächtlichem Schnarchen litt und meist verstopfter Nase. Tagsüber war er meist entweder schlapp und unkonzentriert oder zappelig und nervös. Der Schulbesuch wurde zudem fast wöchentlich durch Verschlimmerungen der Infekte unterbrochen. 

Atemtherapie ist eine Option bei ADHS.

In der Behandlung konzentrierten wir uns auf Übungen, um die Nasenatmung möglichst schnell wieder zu ermöglichen und auch nachts zu normalisieren. Unter der Atemtherapie verbesserte sich die Husten-Problematik innerhalb weniger Tage. Auch die nächtlichen Symptome konnten innerhalb von zwei Wochen auf ein Minimum gemindert werden. Nach zwei Monaten war der Junge vollständig symptomfrei, Infekte bekommt er mittlerweile, ein Jahr nach Behandlung nur noch selten, besucht die Schule regelmäßig und hat keinerlei Schwierigkeiten mit seiner Konzentration, Aufmerksamkeit oder schulischen Leistungen. 

Was mich besonders freut: da insbesondere eine der gewählten Atemübungen dem Jungen großen Spaß macht, behält er sie bei und wendet sie beinahe täglich an. Häufig gehen Kinder spielerisch mit sich und ihrem Atem um, was die Atemtherapie zu so einem großartigen Therapiekonzept für Kinder macht.

Warnsignale und Prävention

Eltern sollten auf folgende Warnsignale bei Kindern achten:

  • Mundatmung: atmet das Kind tagsüber oder im Schlaf mit offenem Mund?
  • Schnarchen: Lautes oder anhaltendes Schnarchen ist ein Zeichen für Mundatmung.
  • Unruhiger Schlaf: Hin- und Herwälzen, Schwierigkeiten beim Einschlafen oder häufiges Aufwachen kann mit einer Atmungsstörung zusammenhängen.
  • Zähneknirschen: Nächtliches Zähneknirschen kann ein Zeichen für Mundatmung sein.
  • Trockener Mund, spröde Lippen, oder Rachen am Morgen 
  • Tagesmüdigkeit: Anhaltende Müdigkeit trotz ausreichenden Schlafs.
  • Verhaltensprobleme: Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Stimmungsschwankungen.
  • Schiefe Zähne oder Karies: auch Zahnerkrankungen können mit Mundatmung in einem Zusammenhang stehen.
  • Artikulation: Fällt es dem Kind schwer, bestimmte Wörter oder Laute zu bilden? 

Eine frühzeitige Intervention beim Feststellen dieser Hinweise kann entscheidend sein, um langfristige gesundheitliche Probleme zu vermeiden. Scheue dich nicht, eine Beratung, Diagnose oder geeignete Behandlung anzustreben. 

Atemtherapie als Option bei ADHS?

In der Praxis führt die Atemtherapie als alternative Behandlungsform bei Kindern häufig zum Erfolg, wenn es darum geht, Schnarchen abzustellen, Mundatmung zu verhindern und die damit typischerweise einhergehenden Gesundheitsbeschwerden zu behandeln. 

Kinder mit Atemstörungen oder ADHS sollten zunächst auf Mundatmung, Schnarchen und Schlafapnoe untersucht werden. Eine frühzeitige Erkennung und Therapie kann dazu beitragen, unnötige medikamentöse Behandlungen zu vermeiden und Symptome zu lindern. Atemübungen zur Förderung der Nasenatmung helfen u.a. dabei, die Schlafqualität zu verbessern. Außerdem verbessern sie die Stimmung, gleichen Stimmungsschwankungen aus und verbessern die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. 

Studien zeigen, dass viele Atemtechniken das Potential haben, das autonome Nervensystem auszugleichen. Mit anderen Worten: wir werden ruhiger, entspannen uns, sind aufnahmefähiger und konzentrierter. Speziell eine Verlangsamung der Atmung erzielt diesen Effekt am zuverlässigsten. 

In einer aktuellen Studie von Virone (2021) wurde untersucht, wie sich ein sechswöchige Atemtraining auf die Emotionsregulation und Impulskontrolle von Mittelschülern mit ADHS auswirkt. Die Studie zeigte signifikante Verbesserungen bei ADHS-Symptomen und ein verbessertes Meistern von herausfordernden Situationen.

Atemübungen erhöhen zunächst typischerweise die Alpha-Wellen Aktivität im Gehirn. Unter deren Effekt verlangsamt sich der Herzschlag und der Blutdruck sinkt. Alpha-Wellen produzieren eine angenehme Entspannung, gleichzeitig jedoch verbessert sich die Konzentration und Aufmerksamkeit.

Viele Atemübungen erhöhen aber auch die Freisetzung des Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und Deltawellen im Gehirn. Deltawellen werden mit Tiefschlaf in Verbindung gebracht, und wenn sie vorhanden sind, befindet sich der Körper in einem Zustand tiefer Entspannung und Erholung. GABA wiederum ist ein Neurotransmitter, der dazu beiträgt, Ängste abzubauen und ein Gefühl der Gelassenheit zu vermitteln. ADHS-Patienten haben in der Regel einen niedrigeren GABA-Spiegel. 

Kohärenzatmung für Kinder bei Unruhe & Konzentrationsschwierigkeiten

Eine einfache Atemtechnik, mit der diese positiven Effekte schnell genutzt werden können ist die Kohärenzatmung. Hierbei handelt es sich um eine Atemtechnik, die auf die Kohärenz des Herzrhythmus abzielt und mit einem Zustand von Entspannung, innerer Ruhe und emotionaler Ausgeglichenheit verbunden ist. 

Die Kohärenzatmung beinhaltet das Atmen mit einer bestimmten Frequenz, die normalerweise etwa 6 Atemzüge pro Minute beträgt. Dies entspricht einer langsamen und gleichmäßigen Atmung, bei der jede Ein- und Ausatmung etwa 5-6 Sekunden dauert.

So funktioniert die Technik:

  1. Atmen möglichst entspannt ein während du dabei langsam (etwa im Sekundentakt) von 1 bis 6 zählen.
  2. Bei 6 angekommen beginnst du nun wieder von 1 bis 6 zu zählen während du zeitgleich ausatmest.
  3. Fahre so fort, ohne dabei Pausen zwischen Ein- und Ausatmung einzuhalten. 
  4. Versuche, mindestens 5 Minuten weiterzumachen.
  5. Lass dir nun noch ein paar Augenblicke Zeit, den Atem einfach nur zu beobachten: Was tut er? Und: Wie geht es dir jetzt?

Natürlich sollte eine Atemtherapie und der Einsatz von Atemtechniken immer individuell gestaltet werden. Nicht zuletzt empfindet nicht jeder die gleiche Übung auf die gleiche Art und Weise entspannend oder wirksam. Insgesamt kann man aber sagen, dass es weniger die meditativen Atemtechniken sind, die bei ADHS-Patienten schnellen Erfolg bedeuten. Häufig kommen ADHSlern solche Techniken zugute, bei denen sie zählen und ihren Atem aktiv begleiten müssen oder mit Visualisierungstechniken arbeiten. Dies verhindert ein zu schnelles Abschweifen und Verlust der Konzentration, einer der grundlegenden Aspekte von ADHS. 

Fazit

Viele Studien deuten auf eine enge Verbindung zwischen ADHS und ähnliche psychiatrischen Beschwerden mit einer gestörten Atmung hin. In der atemtherapeutischen Praxis und der Arbeit mit Kindern ist diese Verbindung ebenfalls bekannt. Therapeuten und Eltern sollten aufmerksam beobachten, wie ein Kind atmet und schläft, um mögliche Atemprobleme frühzeitig zu erkennen und behandeln zu können. 

Besteht ein Zusammenhang mit der Atmung, so stellt die Atemtherapie ein geeignete dun nebenwirkungsfreie Behandlungsoption dar. 

Atemtherapie ist nicht nur nebenwirkungsfrei und einfach durchzuführen, Kinder haben meist Spaß daran, Übungen zu erlernen und durchzuführen. Häufig lassen sich schnelle Erfolge erzielen, welche es ermöglichen, die Lebensqualität von Kindern und Erwachsenen nachhaltig zu verbessern.

Quellen:

Ivanov I, Miraglia B, Prodanova D, Newcorn JH. Sleep Disordered Breathing and Risk for ADHD: Review of Supportive Evidence and Proposed Underlying Mechanisms. J Atten Disord. 2024 Mar;28(5):686-698.

Kalaskar R, Bhaje P, Kalaskar A, Faye A. Sleep Difficulties and Symptoms of Attention-deficit Hyperactivity Disorder in Children with Mouth Breathing. Int J Clin Pediatr Dent. 2021 Sep-Oct;14(5):604-609.

Virone, M. L. (2021). The Use of Mindfulness to Improve Emotional Regulation and Impulse Control among Adolescents with ADHD. Journal of Occupational Therapy, Schools, & Early Intervention, 16(1), 78–90.